25. Juli 2021

Pegamo.de

Alles übers Pferd

“Es ist furchtbar, Du kannst es Dir nicht vorstellen.”

Boxenbau Isostation Valencia

Boxenbau Isostation Valencia

Springreiter Mike Patrick Leichle ist am Telefon und die Verzweiflung, Müdigkeit, aber auch die Entschlossenheit und Wut in der Stimme ist fast greifbar. Müde, aber entschlossen –  so klingt ebenfalls Axel Milkau, der genau wie Leichle und Hilmar Meyer mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Folgen der furchtbaren Herpes-Infektion bei der CES Valencia Tour kämpft.  Seit dem 3. März ist nun auch Marco Fuste, Jumping Director FEI, vor Ort. An Mitteln – eher noch an Entschlossenheit – scheint es den spanischen Machern der Turnierserie zu mangeln.

Woran das liegt, bleibt im unangenehm Spekulativen zwischen Unerfahrenheit einerseits und eventuell pekuniären Interessen andererseits. Als Anfang Februar erste Pferde mit Fieber bei der Tour auffielen, gab es zumindest keine Isolationsmaßnahmen und Tests. Am 19. Februar wurde es dann massiv mit ersten neurologischen Ausfällen. Erst am 22. Februar aber kamen überhaupt Amtstierärzte. Die FEI tat – nichts. Auch nach Anrufen von Reitern beim Chefveterinär sei “nix passiert”.

Möglicherweise ist es einfach ein vermeidbares Informationsdesaster: Am 2. März vormittags ist auf der Facebook-Seite der CES Valencia Tour mit Datum vom 25. Februar zu lesen, man habe “die Nase voll von Lügen”. Darunter ist eine Mitteilung des Ministeriums für “Agricultura, Pesca y Alimentation” (Landwirtschaft, Fischerei und Ernährung) verlinkt, die nur besagt  “kein Pferd ist im Zentrum an EHV 1 gestorben”. Am Nachmittag dann ist die Mitteilung aktualisiert, der kommentierende Satz verschwunden. Nur steht da nichts von den zehn toten Pferden. Sowohl Leichle als auch Milkau darf man unterstellen, dass sie sich nicht verzählt haben.

Veranstalterinnen Charo Torregrosa und Charo Ortells Torregrosa zogen sich zurück

Was Leichle, Meyer und Milkau tatsächlich erbittert, ist das Verhalten der Veranstalterinnen. Charo Torregrosa und ihre Tochter Charo Ortells Torregrosa haben die CES Valencia Tour 2018 auf ihrer Anlage ins Leben gerufen, die erste Tour fand im Frühjahr 2019 statt. Aktuell haben beide wissen lassen, dass die Veranstaltung beendet sei. Hilmar Meyer: “Der Stallmeister wurde entlassen, ein deutscher Fotograf, der fließend spanisch spricht und uns als Übersetzer im Kontakt mit Ministerium u.a. hilft, wurde aufgefordert, das Gelände zu verlassen.” Jene, die Torregrosa und Ortells Torregrosa etwas länger kennen, überrascht das nicht. “Die reagieren bei zu lösenden Problemen rasch hysterisch”, war von einem Reiter aus Deutschland zu hören.

Milkau rückt Zahlen und Fakten gerade

Seit etlichen Tagen organisieren sich die Reiter, Reiterinnen und Pflegerinnen selbst, holen z.B. Material zusammen, um Aufhängungen für erkrankte Pferde zu bauen. Diese Aufhängungen könne  verhindern, das Pferde mit Symptomen, wie z.B. Störungen der Mobilität, zum Festliegen kommen. Milkau ließ Medikamente aus Deutschland einfliegen, nutzte seine Verbindungen, um Tierärzte nach Spanien zu holen und um die bürokratischen hohen Hürden für deren Einsatz beim spanischen Verband zu überwinden: “Es sind sieben, inzwischen acht Tierärzte hier und zwei von den acht haben wir selbst organisiert.” FN-Mannchaftstierarzt Jan-Hein Swagemakers mußte eingreifen, damit die deutsche tierärztliche Hilfe überhaupt tätig werden konnte.

Milkau ist entsetzt, spricht vom Versagen des spanischen Verbandes, der FEI und vor allem der Veranstalter, die viel zu spät reagierten. Eigenartig –  denn im Februar 2019 konnten genau jene Veranstalterinnen stolz die Kooperation mit der CEU-Tierklinik von Dr. Antonio Cruz in Valencia verkünden. Die hat auch sofort reagiert und erkrankte Pferde aufgenommen (aktualisiert).

Die FEI habe es nicht geschafft, einen offiziellen FEI-Tierarzt mit dem Krisenmanagement zu betrauen, die Zahl von 21 Tierärzten sei “reinweg erfunden” und der Weltverband sei nicht auf die Idee gekommen, diplomatisch zwischen Ämtern und Ministerium zu vermitteln. Dort seien erstaunliche Ego-Mechanismen am Wirken. Zugelieferte Matten wurden unbeachtet aufgehäuft ohne Information durch die Veranstalter und zusätzliche Zelte seien teilweise löchrig. Kurz und ungut – Milkau, der selbst Turnierveranstalter ist und Präsident des Pferdesportverbandes Hannover, hatte sich deutlich mehr “Tätigkeit” im FEI-Headquarter gewünscht. 

Eigeninitiative ohne “Wenn und Aber”

Diskussion über Boxenbau im festen Zelt mit Charo und Carlos Torregrosa.

Mike Patrick Leichle hat damit begonnen, die ständig “gekippten” Entscheidungen des so genannten “Krisenstabs” zu ignorieren, protokolliert Absprachen und hilft dabei, diese dann umzusetzen. “Es gibt auf dem Gelände eine große, leer stehende Lagerhalle, perfekt geeignet, um erkrankte Pferde zu isolieren. Erst sollten dort zehn Iso-Boxen errichtet werden, dann wieder doch nicht, angeblich geht immer irgendwas nicht …”, ärgert sich Leichle, der genau weiß, das Zeit ein entscheidender Faktor im Kampf gegen die Viruserkrankung der Pferde ist und deswegen einfach los arbeitet. Inzwischen stehen die Boxen in der Lagerhalle.

Ein Pferd hat Leichle verloren, die anderen werden stetig überwacht und versorgt. Fieber messen ist zur mehrmaligen Tagesroutine geworden. Aus Deutschland trafen tatkräftige Helfer ein, die Ahnung vom Zelt- und Boxenbau haben. Die Telefone glühen. “Was wir jetzt brauchen, sind Leute, die bei der Pflege und Betreuung der Pferde helfen können, die aber auch 30 Tage lang bleiben können, denn wir müssen ja auch Quarantäne und Corona-Regeln beachten,” sagt Hilmar Meyer. Man hört die Müdigkeit, der Schlafmangel und die Erschöpfung fordern gelegentlich ihren Tribut. Mit genesenen Pferden wollen alle wieder nach Hause. “Ich hab hier bestimmt drei, die danach auf die Koppel können, die neurologischen Schäden lassen Sport wohl nicht zu”, stellt Meyer fest. Seine Teammitglieder Tim-Uwe Hoffmann und Tessa Leni Tillmann verloren ihre Pferde an das Herpesvirus. Die Erkrankung trifft die Tiere schwer.

Aufgeben ist überhaupt keine Option für Leichle, Meyer und Milkau, alle drei sorgen zudem dafür, das jene, die auf der isolierten Anlage in Valencia geblieben sind, als Team zusammenarbeiten und sich alle gegenseitig helfen, denn jede Hand wird dringend gebraucht. Und helfen können alle, die es möchten mit Unterstützung für den Verein “Reiter helfen Reitern e.V.“ Spenden werden 1:1 weitergeleitet für Medikamente, Hilfsgüter und Manpower. Volksbank Brawo, IBAN: DE86 2699 1066 1236 6870 00, BIC: GENODEF1WOB.

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