27. September 2021

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Alles übers Pferd

Viren sind nicht gerecht

Viren Symbolbild. Quelle: Kalhh_Pixabay

Die Erregungskurve in den sozialen Medien zeigt steil nach oben. Grund: Herpesausbruch in Valencia – Turnierabsagen – Turnierfortsetzungen – Spendenaufruf – Existenzkrise von Reitschulen und -Vereinen. Verständlich einerseits, andererseits auch nicht, denn die Diskussion geht – denke ich zumindest – manchmal einfach in die falsche Richtung. Und zwar immer dann, wenn versucht wird, Interessen gegeneinander auszuspielen.

Deutschlands Lockdown bringt etliche Branchen, zehntausende Existenzen ins Wanken, Reitschulen, Reitvereine, einzelne Pferde- und Ponybesitzer werden hart, sehr sehr hart davon getroffen. Die Versorgungsnotwendigkeit der Pferde läuft ganz normal weiter, aber die Einnahmen sind seit Monaten weg gebrochen. Wohl niemand wird oder darf ernstlich erwarten, dass jene, an denen staatliche Überbrückungshilfen vorbei gehen, das Portemonnaie für eine Spende öffnen. Aber das erwarten die Initiatoren von Spendenaufrufen auch nicht.

Was sollte gerecht sein?

Immer wieder – nicht erst aktuell im Zusammenhang mit dem fürchterlichen Herpesausbruch in Valencia – fällt auf, das eine sonderbare “Gerechtigkeitsdebatte” entflammt und der Begriff Solidarität dafür herhalten muss. Das gilt durchaus nicht nur für die Pferdebranche. Also: ist es hilfreich und solidarisch, wenn Profis im Reitsport, Semiprofis oder junge Kadermitglieder auf Turnierstarts – wo auch immer – verzichten müssten? Was könnte diese Solidarität bewirken? Vermutlich gar nichts. Weder Reitschulen oder Vereine profitieren, noch Pferdebesitzer oder professionelle Sportställe – alle zusammen haben wenig davon, bzw. gleichermaßen Existenzsorgen. Ist das erstrebenswert? Nein. Bestenfalls könnte es den “Gerechtigkeitssinn” derer befriedigen, deren Existenz bedroht ist oder die im heimischen Wohnzimmer verharren müssen, während andere irgendwo reiten dürfen. Böswillig ausgedrückt: “Wenn es mir schlecht geht, darf es anderen auch nicht besser gehen”. Oder: aufmerksamkeitsheischend Debatten anstoßen, die tatsächlich niemand braucht. Kleine Viren zeigen uns seit Monaten, dass es sowieso ganz anders läuft.

Handelsplatz Turnier

Genausowenig wie man jemanden dafür feiern muss, dass Möglichkeiten und Chancen des Gelderwerbs genutzt werden, ist es nicht notwendig, Häme, Spott und Kritik aus zu schütten, wenn so etwas wie in Valencia passiert. Die Turniertouren im Süden Europas dienen nicht nur der viel zitierten “Saisonvorbereitung” – welche Saison überhaupt ? – sie sind auch kein Urlaub, sondern Handelsplätze, Pferdemärkte geradezu. Platzierungen und Ausbildung der Pferde dienen der Wertsteigerung. Mit Pferden und ihrer Ausbildung wird in normalen Zeiten durchaus gutes Geld verdient – das ist weder unehrenhaft, noch ein Grund für`s Bundesverdienstkreuz. 

Es sind neben vielen anderen eben auch diese Pferde, die an andere Profis oder an Amateure verkauft werden. Von der Ausbildung und dem Verkauf dieser Pferde leben professionelle Ställe. Und sind durchaus daran interessiert, das Reitvereine und Reitschulen, Betriebe mit Einstellmöglichkeiten und gutem Unterricht auch künftig existieren, dass dort gut ausgebildet werden kann, dass immer wieder Menschen lebenslang der Pferdeliebe und -begeisterung verfallen und Kunden von übermorgen werden, sich dem Freizeit- und Leistungssport widmen, Interesse an der Pferdezucht entwickeln.  

Es ist eine nahezu “kreisrund” laufende Maschine, in der die einzelnen Teile voneinander abhängig sind. Deswegen ist es wichtig, das Reitschulen wieder öffnen dürfen, Gutachten verdeutlichen, dass die Infektionswahrscheinlichkeit durch Reitsport gering ausgeprägt ist. Jeder einzelne Beweis dafür wird nicht nur, aber auch ein bißchen in Verden, Zopot, Luhmühlen oder Oliva Nova erbracht. Dass in Valencia Erfahrungen entstanden, die man niemandem wünscht, ist dem Versagen von Personen, Strukturen und Kontrollmechanismen geschuldet. Das gilt es zu benennen und wirksam zu verhindern. Als Vorlage für “Generalkritik” am professionellen Sport ist die Situation nur bedingt tauglich.

Demnach muss die Diskussion eigentlich in eine andere Richtung laufen. Mit welchen Mechanismen Fehlentwicklungen besser begegnet werden kann. Wie aktuell zu verhindern ist, dass das Virus noch weiter “geschleppt wird” – zum Beispiel in von Existenzsorgen geplagte Betriebe zuhause, in die Nachbarschaft, in den Verein. Die Meldepflicht ist überfällig, ebenso wie die verpflichtende Herpesimpfung. Erwerbschancen, Sport, Mobilität bedingen mehr Verantwortung, mehr Präzision, mehr Selbst- und Fremdkontrolle. 

Solidarität? Geht anders

Nahezu 90 Prozent aller Pferde tragen nach vorsichtigen Schätzungen das Virus in sich. Größeren Schaden lösten z.B. im April 2019 allein in Schleswig-Holstein Ausbrüche im Kreis Rendsburg-Eckernförde und Stormarn aus, nur wurde dort letztlich effizient reagiert. Von Reitvereinen übrigens. Die wie auch die Reitschulen sollten die Profis in die Pflicht nehmen, wenn es um Unterstützung für Ausbildung geht, um den Wert des Pferdes für Kinder und Jugendliche, wenn Fürsprecher und Mentoren gebraucht werden. Und es sind zum allergeringsten Teil Reitvereine und -schulen, die über Turniere in Europa oder Asien lamentieren, weil dafür gar keine Zeit da ist. Kritische Betrachtung ja unbedingt, Missgunst allerdings hat noch nie irgendwas vorangebracht. M.B.

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