26. September 2021

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WM-Sichtung: Janika Derks setzt Ausrufezeichen und feiert Doppelsieg

Mädchen voltigiert auf Pferd

Mädchen voltigiert auf Pferd

Nach 16-monatiger Turnierpause sind am Bundesleistungszentrum in Warendorf am vergangenen Wochenende erstmals die besten Voltigierer Deutschlands aufeinandergetroffen. Im Rahmen der diesjährigen Sichtung für die Weltmeisterschaften im ungarischen Budapest (23. bis 29. August 2021) fand das erste von drei Qualifikations-Turnieren vor internationalem Richtergremium unter Vorsitz von Dietmar Otto statt. Durchsetzen konnten sich Thomas Brüsewitz (Köln) und Janika Derks (Dormagen) in den Einzelwettbewerben. Derks, die erstmals im Wettkampf einen Rückwärts-Salto präsentierte, machte mit einem zusätzlichen Sieg im Pas-de-Deux mit ihrem Partner Johannes Kay ein herausragendes Comeback im Turniergeschehen perfekt. Bundestrainerin Ulla Ramge zeigte sich zufrieden mit den Leistungen ihrer Schützlinge und mit dem Turnier: „Ich bin sehr dankbar, dass Karin Terharen, die in Warendorf hauptamtlich das Voltigieren begleitet, sich hier als Turnierleitung zur Verfügung gestellt hat und diese Sichtungen ermöglich hat.“

Nach drei Durchgängen – Pflicht, Technikprogramm und Kür – stand Janika Derks mit einer Gesamtnote von 8,135 Punkten in der obersten Spalte der Ergebnisliste bei den Damen. Die 31-jährige Ausnahme-Voltigiererin vom RSV Neuss-Grimlinghausen hatte zwei der drei Umläufe für sich entschieden. In der Pflicht legte die Rheinländerin mit 8,407 Punkten zunächst stark vor. Im Technikprogramm folgte mit 8,211 Zählern ein weiterer Sieg mit ihrem 18-jährigen Hannoveraner Dark Beluga, longiert von Barbara Rosiny. Hier setzte sich die Physiotherapeutin sogar mit vier Zehntel vor die Konkurrenz. Lediglich in der Kür musste sich die Silbermedaillengewinnerin der Weltreiterspiele von Tryon 2018 knapp geschlagen geben. Und dennoch hinterließ die Deutsche Meisterin von 2019 auch in dieser Teilprüfung einen bleibenden Eindruck. Erstmals nämlich zeigte Derks im Rahmen ihrer Kür – inspiriert vom Thema und als Gedankenspiel zu „Rote Materie“ – einen frei gesprungen Rückwärtssalto. Diese Höchstschwierigkeit war bislang nur selten im Voltigiersport zu sehen, zuletzt von der Österreicherin Lisa Wild, die es bei der WM 2012 erstmals gezeigt hatte.

Trainerin und FN-Voltigiermeisterin Jessica Lichtenberg zeigte sich beeindruckt: „Janika kann den Salto, aber durch diese Wettkampfsituation musste sie hier erst einmal durch.“ Das Turnier in Warendorf empfand die Mannschaftsweltmeisterin vom Team Neuss als enorm wichtig. „Es ging uns nicht um die Noten und nicht um die Richter. Wenn einem eines klar geworden ist in der Corona-Zeit, dann, dass man den Sport ausübt, weil man es gerne macht und vielleicht auch die Messlatte wieder ein Stück höher legen möchte“, sagte Lichtenberg. Die Programme hatte das Neusser Gespann schon im Vorjahr kreiert. Lichtenberg: „Wir haben in dieser Zeit viel geschafft und nun ging es zunächst einmal darum, mutig zu sein.“ Das war den Rheinländern eindrucksvoll gelungen. Derks setzte ein Ausrufezeichen, welches – übertragen live von ClipMyHorse.tv – sicherlich auch international für Aufsehen sorgte. Bis zum Abend hatte sich der besondere Moment bereits in den sozialen Median verbreitet – und brachte Anerkennung aus aller Welt. Dabei hatte Derks nach Angabe ihrer Trainerin einige Höhepunkte der Kür noch gar nicht gezeigt. „Es folgen weitere Highlights“, verriet Lichtenberg, die ihren Schützling in den höchsten Tönen lobte: „Janika findet gerade zu ihrer Ruhe und man merkt, dass sie sich selbst und ihre Leistung noch immer weiterentwickelt. Sie ist schon so lange dabei. Aber es ist noch nicht zu Ende definiert.“ Dass nun endlich wieder Turnieratmosphäre geschnuppert werden konnte, hält Lichtenberg für entscheidend. „Das Wochenende war so unendlich wertvoll, um Erkenntnisse zu haben für das weitere Training“, analysierte die 39-Jährige.

Platz zwei bei den Damen ging an Alina Roß. Mit 7,919 Punkten beendete die 20-Jährige aus dem mecklenburgischen Userin das erste Sichtungsturnier des Jahres. Die jüngste Teilnehmerin der Damen-Konkurrenz war bereits mit Platz zwei in der Pflicht (8,324) in den Wettkampf gestartet. Longiert von ihrem Vater Volker Roß legte sie mit ihrem Pferd San Zero mit Rang zwei im Technikprogramm nach (7,811). Im finalen Umlauf gelang der Athletin, die seit vergangenem Jahr Mitglied der Sportfördergruppe der Polizei Mecklenburg-Vorpommern ist, dann ein Überraschungserfolg. In einer sauberen Kür – inspiriert und begleitet zu den Tönen des Songs „Without You“ aus dem Album „Solace“ – zeigte sie unter anderem einen frei gesprungenen Flick-Flack nahezu in Perfektion und erhielt dafür den Tagessieg (8,137). Im Gesamt-Resultat stand sie mit ihrem 16-jährigen Brandenburg-Anhaltiner damit souverän auf dem Silber-Rang. „Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit unserem ersten Start nach einer so langen Zeit ohne Wettkämpfe. Dennoch ist noch viel Luft nach oben und ich freue mich auf die kommenden Wochen Training zur Vorbereitung auf die zweite Sichtung im Juni“, sagte Roß.

Platz drei ging mit total 7,489 Punkten an Pauline Riedl vom Reitverein Aachen. Die 27-Jährige, die die größten Erfolge ihrer Karriere bislang mit dem Team Neuss feierte, präsentierte sich erstmals mit ihrem neuen Longenführer Maik Husmann und ihrem Pferd William. Platz vier verbuchte Regina Burgmayr vom VV Ingelsberg. Die 30-Jährige sicherte sich mit Longenführerin Michelle Arcori und dem 15-jähriger Hannoveraner Feliciano eine Gesamtwertnote von 7,445. Etwas abgeschlagen (7,113) beendete Hannah Steverding aus Herxheim das erste Sichtungsturnier. Die 22-jährige Sportsoldatin konnte mit ihrem 15-jährigen Hannoveraner-Fuchs Royal Flash und Longenführerin Sophie Kuhn beim ersten Sichtungswettkampf noch nicht überzeugen.

„Hannah war hier noch Welten entfernt von ihren Trainingsleistungen“, berichtete Ulla Ramge. Die Bundestrainerin machte der Sportsoldatin aber Mut. „Das war hier die erste von drei Sichtungen. Janika und Alina konnten sich mit einem halben Punkt absetzen, weil sie ihre Trainingsleistungen am ehesten und annähernd haben abrufen können und dürfen sich über einen gelungenen Start in die Qualifikation freuen.“ Die 58-Jährige stellte klar: „Es ist noch alles offen. Wir haben drei Sichtungen und natürlich wird es von Sichtung zu Sichtung spannender. Das war nun ein erstes Rauskommen nach der langen Corona-Zeit. Mit insgesamt drei Sichtungsturnieren wird sich dann sicher herauskristallisieren, wer zum Championat hin die größten Chancen hat.“

Auch Ramge zollte Derks großen Respekt für ihren gesprungenen Rückwärts-Salto: „Janika ist heute noch etwas hart und nicht zentriert gelandet und hatte eine zu weite Flugphase. Da kam sie etwas in Wohnungsnot, was ihr hohe Abzüge einbrachte. Aber wenn ich so ein Element irgendwann beim Championat turnen möchte, muss ich es natürlich vorher in mehreren Wettkämpfen bringen.“

Auch bei den Herren konnten sich am Ende zwei Athleten von der Konkurrenz absetzen. Herausragend dabei: Thomas Brüsewitz für den Landesverband Rheinland. Der 27-Jährige aus Garbsen, der in Köln lebt und trainiert, ließ während des gesamten Wochenendes keinen Zweifel aufkommen an seiner Dominanz. Bereits in der Pflicht zeigte der CHIO-Aachen-Triple-Sieger mit 8,585 Punkten die beste Leistung aller Solisten. Mit dem 12-jährigen KWPN-Wallach Eyecatcher und Longenführerin Alexandra Knauf legte der Bronzemedaillengewinner der Weltreiterspiele von Tryon 2018 dann mit 8,113 Punkten im Technikprogramm, in dem er das retro-futuristische Thema des Steampunks verarbeitete, nach. In der abschließenden Kür war der Athlet des Team NORKA des VV Köln-Dünnwald erneut eine Klasse für sich. Hier präsentierte Brüsewitz eine düstere Choreografie in Anlehnung an den Harry-Potter-Zaubertrankmeister Severus Snape und erhielt dafür starke 8,716 Zähler. Das machte eine Gesamtwertnote von 8,471 Punkten. „Ich bin total zufrieden. Es ist sehr gut gelaufen, auch wenn ich noch nicht alles gezeigt habe“, berichtete Brüsewitz im Anschluss.

Platz zwei in der Endabrechnung ging mit 8,12 Punkten an Jannis Drewell vom Landesverband Westfalen. Der 29-Jährige aus Steinhagen rangierte nach der Pflicht zunächst nur auf dem vierten Rang. Doch bereits mit dem Technikprogramm schob sich der Europameister der Heim-EM von Aachen 2015 auf Platz zwei vor. Gemeinsam mit dem 12-jährigen Oldenburger Qualimero OLD und Longenführerin und Mutter Simone Drewell folgte die Premiere seiner 2021er-Kür zur Bon-Jovi Power-Ballade „Always“. Dafür kassierte der Sieger der Weltcup-Finals von 2017 und 2018 hervorragende 8,416 Punkte vom vierköpfigen Richtergremium. „Ich war auf jeden Fall zufrieden, auch wenn natürlich noch Luft nach oben ist. Besonders die Leistung vom Pferd hat mich gefreut. Insgesamt war es schön mal wieder eine Wettkampf-Atmosphäre zu spüren“, gab Drewell zu Protokoll.

Rang drei belegte Viktor Brüsewitz vom Landesverband Hannover. Der 31-Jährige aus Wulfsen bei Hamburg voltigierte auf dem Rücken des 14-jährigen Hannoveraner-Rappen Sky Walker, longiert von Gesa Bührig. Bei diesem ersten Sichtungsturnier jedoch fand das Gespann vom Team Fredenbeck noch nicht in vollendete Harmonie. „Ich war nicht so zufrieden und es lief einfach nicht so rund“, kommentierte der Deutsche Meister von 2014. Ebenfalls Startschwierigkeiten hatte der DM-Silbermedaillengewinner von 2018, Julian Wilfling aus Untermeitingen. Der 25-jährige Bayer beendete den Wettkampf in Warendorf mit seinem Longenführer Alexander Zebrak und dem 10-jährigen Westfalen-Schimmel Aragorn mit 7,61 Punkten. Nicht am Start war Jannik Heiland aus Wulfsen. Der 28-Jährige, der 2018 die Silbermedaille bei den Weltreiterspielen in Tryon sowie ebenfalls Silber bei der EM 2019 in Ermelo gewonnen hatte, war kurzfristig ausgefallen, nachdem er im Training umgeknickt war.

Ulla Ramge sah bei den Herren in ihrer Analyse eine ähnliche Situation wie bei den Damen. „Auch hier haben sich mit Thomas und Jannis zwei Voltigierer deutlich absetzen können und ein ersten gutes Signal setzen können. Vor allem Thomas hat sich mit drei überzeugenden Durchgängen präsentiert und einen guten und konstanten Eindruck hinterlassen. Bei Viktor und Julian fehlte dieses Mal noch die Harmonie und die Abstimmung mit dem Pferd. Ich bin sicher, dass sich beide noch deutlich steigern können im Laufe der nächsten Turniere.“

Ein sehr hochkarätiger Wettkampf wurde den Zuschauern im Pas-de-Deux geboten. Den Tagessieg im ersten Umlauf sicherten sich Justin van Gerven (25) und Chiara Congia (23) vom Team NORKA des VV Köln-Dünnwald. Die Europameister und Deutschen Meister von 2019 kassierten 8,862 Punkte für ihre Darbietung auf dem Rücken von Highlight HE, longiert von Alexandra Knauf. Im zweiten Umlauf folgten dann 8,626 Punkte für die Rheinländer, womit sie sich in der Endwertung äußerst knapp geschlagen geben mussten. 8,744 Zähler standen zu Buche und damit nur 0,013 Punkte weniger als die Warendorf-Sieger Janika Derks und Johannes Kay (26). Das Duo vom RSV Neuss-Grimlinghausen, das bei der EM 2019 in Ermelo Silber geholt hatte, kam mit dem 14-jährigen Oldenburger Humphrey Bogart OLD und Longenführerin Nina Vorberg auf 8,757 Punkte. Dabei präsentierten die Neusser Aushängeschilder eine eher abstrakte Choreografie. „Wir wollen eine bestimmte Emotion festhalten und darstellen. Inspiriert hat uns der Moment, wenn nach einem starken Gewitter die ersten Sonnenstrahlen wieder hervorkommen“, erläuterte Johannes Kay.

Platz drei sicherten sich Diana Harwardt (20) und Peter Künne (20) vom RV Integration aus Bernau. Die Vize-Europameister der Junioren 2018 gingen für den Landesverband Berlin-Brandenburg an den Start und kamen mit ihrem 17-jährigen DSP Sir Laulau sowie Longenführer Hendrik Falk auf 8,564 Punkte. Damit hatten auch die Deutschen Vizemeister von 2019 zwei starke Runden gezeigt.

„Im Pas-de-Deux haben wir ein eindrucksvolles Luxusproblem“, fasste Ulla Ramge zusammen. Im Wettbewerb des Doppelvoltigierens haben es nach Aussage der Nationaltrainerin alle Paarungen geschafft, ihre momentanen Trainingsleistungen in den Wettkampfzirkel zu übertragen. Ramge: „Es ist einfach ein Traum. Drei Pas-de-Deux mit einer Werbung von über 8,5 Punkten. Dabei war aus meiner Sicht eines schöner als das andere.“ Zudem verwies die Warendorferin darauf, dass bei den kommenden Sichtungen mit Jolina Ossenberg-Engels und Timo Gerdes (LV Westfalen), die aus gesundheitlichen Gründen zur ersten Sichtung nicht an den Start gehen konnten, noch ein weiteres Duo in den Wettstreit um die zwei WM-Tickets einsteigen wird.

Für Ramge war die erste Sichtung nach einer derart langen Pause ein enorm wichtiger Schritt in den Wiedereinstieg des Leistungsvoltigierens. Dabei freute sie sich besonders, dass in der Dressurhalle des DOKR eine echte Turnieratmosphäre zu spüren war. „Wir hatten eine besondere Stimmung und positive Angespanntheit. Es wurde höchste Zeit und es macht ganz klar noch einmal einen entscheidenden Unterschied. Alle haben gespürt, dass es in diesem Moment wieder zählte. Das war für viele Athleten nochmal eine ganz andere Situation im Vergleich zu Wettkampfdurchgängen im Training. Das Gefühl, dass endlich wieder ein echtes Turner stattfindet, kam nach meinem Empfinden voll durch und zum Tragen. Es hat sich für mich bestätigt, dass wir diese Situation brauchen, um weiterzukommen. Selbst die Routiniertesten. Diese Situation musste einfach her und ich bin total froh, dass es jetzt in dieser Form wieder möglich ist.“ Positiv überrascht war Ramge, dass die Corona-Zeit am wenigsten bei den Pferden sichtbar war. Ihr Fazit: „Für die Pferde hatte die lange Pause durchaus auch Vorteile. Hier wurde sinnvoll und gut weitertrainiert.“

Ein Teamwettbewerb konnte beim ersten Sichtungsturnier in Warendorf dieses Mal nicht stattfinden. Allen drei Bundeskader-Mannschaften – der RV Fredenbeck, das Team NORKA des VV Köln-Dünnwald sowie der VV Ingelsberg – mussten aus unterschiedliche Gründe auf eine Teilnahme verzichten. Die Gruppe aus Fredenbeck, die aufgrund der Fußverletzung von Jannik Heiland nicht antrat, zeigte Pflicht und Kürteile in Form eines Trainingswettkampfes. Köln startete mit Calidor an der Longe von Patric Looser offiziell in der Pflicht und erhielt eine Wertnote von 7.467 Punkten. Die Rheinländer verzichteten anschließend auf einen Start in der Kür. Patric Looser: „Wir wollten die Belastung für das Pferd dosieren, da für ein Teampferd so ein Programm mit einer Pflicht und zwei Küren sehr hart ist, gerade nach einer so langen Zeit der Pause. Und da uns die anderen Teams mit ihrer Abwesenheit diese Gelegenheit gegeben hat, nutzten wir das aus.“ Ingelsberg war aufgrund von terminlichen Verpflichtungen nicht angereist. Ramge: „Es waren Entscheidungen der Vernunft. Man darf sich aber sehr freuen auf die beiden weiteren Sichtungen und drei sehr schöne Gruppenküren.“ FN/Daniel Kaiser

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