23. September 2021

Pegamo.de

Alles übers Pferd

Semmieke Rothenberger Foto © Stefan Lafrentz

Semmieke Rothenberger Foto © Stefan Lafrentz

Semmieke Rothenberger ist zwar fast schon ein ‚alter Hase‘, wenn es um die Teilnahme an Europameisterschaften geht, aber bei den U25-Reitern ist sie noch ein ‚Küken‘. In unserem EM-Interview #RoadtoHagen geht es um den Sprung in eine andere Welt, ihr Toppferd Flanell und das Heilige Pflaster der Familie Rothenberger…

Semmieke, Hagen a.T.W. und Deine Familie – das ist eine besondere Geschichte?

SR: (lacht) Das ist absolut so. Hagen ist für meine Familie ein ‚Heiliges Pflaster‘, da passieren Wunder für uns. In Hagen bin ich 2011 mit Domino meine allererste internationale Prüfung geritten – kam damit um die Ecke, habe Schwung genommen und war plötzlich im Euro-Team. Zwei oder drei Jahre später habe ich in Hagen mit meinem Pony Goldi (Golden Girl) das erste Mal die 80 Prozent geknackt und damit einen neuen Weltrekord aufgestellt. Eineinhalb Stunden später bin ich in derselben Prüfung mit Deinhard an den Start gegangen und habe den Weltrekord erneut gebrochen. Und in Hagen haben wir mein Juniorenpferd Geisha entdeckt. Aber auch für meine Geschwister war Hagen immer besonders. Sönke und Cosmo haben dort gigantische Runden gedreht und Sanneke hat 2016 bei der U25-Euro in Hagen mit Deveraux dreimal Gold gewonnen – für sie war es das dritte Mal Triple-EM-Gold. Hagen ist unser Lieblingsturnier, immer top organisiert und dass wir dieses Jahr zeitgleich mit den ‚Großen‘ dort reiten dürfen, ist für mich eine große Ehre. Außerdem stiehlt man ja auch immer ein bisschen mit den Augen 🙂

Du hast mit Flanell einen raketenartigen Durchflug ins EM-Team der U25-Reiter hingelegt. Wie hast Du die vergangenen Monate erlebt?

SR: Es ist wirklich verrückt wie schnell das ging. Die Euro wird erst mein viertes Turnier mit Flanell, das darf man nicht vergessen. Angefangen haben wir in dem Riesenstadion in Mannheim am letzten April-Wochenende. Das war die Feuertaufe mit Flanell und sie hat uns direkt mit der ersten Prüfung umgehauen und die Prüfung gewonnen. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass mit ihr alles möglich ist. Unser zweites Turnier war die Deutsche Meisterschaft in Balve, wieder so ein Riesen-Event, und dann kam schon die zweite Euro-Sichtung in Elmlohe. Jedes Mal habe ich das Gefühl, wir bekommen mehr Routine und wachsen als Team im Viereck immer besser zusammen. Es ging alles rasant schnell und trotzdem: Ich habe das Gefühl, es geht jetzt erst richtig los. (lacht)

Flanell ist im Mai 2020 zu Dir gekommen, inzwischen kennt Ihr Euch schon ziemlich gut. Was macht sie aus?

SR: Ich hatte noch nie ein Pferd, das so wählerisch mit seinen Personen ist – speziell mit dem Reiter, aber auch mit allen anderen Menschen, die Kontakt mit ihr haben. Es hat schon ein bisschen gedauert, bis sie mich voll akzeptiert hat, aber jetzt gibt sie alles für mich. Und ich habe noch nie ein Pferd gehabt, das so grenzenlos ist. Sie hat im Training noch nie gesagt: ‚Das kann ich nicht‘. Ich habe noch nie ein Limit bei ihr gespürt, das ist unglaublich.

Neun Europameisterschaften hast Du schon sehr erfolgreich mitgemacht. Insgesamt bist Du mit 21 Medaillen, 14 davon golden, nach Hause gekommen. Aber Hagen wird Deine erste Euro im U25-Lager. Wird das ‚nur‘ Euro Nummer 10 für Dich oder was ganz anderes?

SR: Ich hatte das große Glück, dass meine beiden Eltern Olympische Spiele geritten sind und mit meinen älteren Geschwistern, Sanneke und Sönke, alles schon einmal durchgemacht hatten. Mit dieser geballten Erfahrung war die Pony-Zeit für mich nicht einfach ‚Ponyreiten‘, das fand schon alles auf hohem Niveau statt. Ich habe schon richtig reiten gelernt, so dass der Übergang zu den Junioren kein Riesensprung mehr war, das lief schön durch, die Reiterei war sehr ähnlich. Auch bei den Jungen Reitern ging es fließend weiter. Aber der Sprung zu den U25-Reitern in den Grand Prix-Sport ist etwas ganz anderes, das ist eine ganz andere Welt. Es ist fast so, als ob man wieder ein bisschen bei null anfängt, vieles, was man vorher gelernt hat, wird wieder umgeworfen.

Wie bist Du damit umgegangen?

SR: Mir kam in diesem Punkt tatsächlich die Corona-Zeit entgegen. So hatte ich viel Zeit, mich beim Reiten wieder neu zu finden. Ich habe das Gefühl, ich habe diese Zeit gebraucht. Und ich hatte mit meinen Eltern, Seb (Sebastian Heinze) und Jonny (Hilberath) tolle Unterstützung im Training. In diesem Jahr jetzt schon zum EM-Team bei den U25-Reitern gehören zu dürfen, das hat für mich eine ganz große Bedeutung.

Europameisterschaft Nummer 10 – helfen Dir die neun Europameisterschaften zuvor? Oder schürt das eher zu viel Erwartungsdruck?

SR: Ich sehe das positiv. Es ist toll, dass ich schon so viele Euros erleben konnte und ich weiß, was es heißt, mit Druck zu reiten. Ich habe schon oft erlebt: ‚Semmie, Du musst so und so viel Prozent reiten, damit die Mannschaft Gold gewinnt.‘ So oder so ähnlich. 2014 in Millstreet haben wir beispielsweise schon mit Silber gerechnet, aber Deinhard hat alles gegeben und wir haben Gold gewonnen. Ich kenne das Gefühl unter Druck zu reiten und damit kann ich umgehen. Aber ich glaube nicht, dass irgendjemand in Hagen eine riesige Erwartungshaltung an Flanell und mich hat. Alle wissen, dass wir noch Küken im U25-Sport sind. Und trotzdem weiß auch jeder, dass mit Flanell alles möglich ist.

Wie sehen bei Dir die letzten Tage der Vorbereitung auf die Europameisterschaft aus?

SR: Meine Mutter sagt immer: ‚Die Pferde wissen nicht, dass EM ist!‘ Deshalb machen wir in der Vorbereitung nichts anders als vor jedem anderen Turnier auch. Für Flanell und mich wird es erst das vierte gemeinsame Turnier. Wir haben dadurch natürlich noch keine feste Turnierroutine und sind noch in einem Findungsprozess. Aber dieses Pferd kann alles und ist in Spitzenform, jetzt kommt es darauf an, dass wir an Tag X alles passend hinbekommen. Wir fahren ohne große Erwartungen nach Hagen, wir freuen uns einfach.

In Ponyzeiten bist Du die Prüfung vorher immer einmal durchgelaufen, wenn auch nicht auf einem großen Viereck…

SR: …nicht nur in Ponyzeiten, das mache ich immer noch, auch jetzt im U25-Sport. Das hilft mir total, mich auf die Prüfung zu konzentrieren. Es ist fast so, als ob ich sie schon einmal durchgeritten bin. Überhaupt ist der Ablauf vor einer Prüfung feste Routine bei uns. Mein Vater geht mit den Pferden morgens spazieren. Die Pferde können sich schon mal die Füße vertreten und (lacht) ich glaube, das beruhigt meinen Vater. Wenn ich erst nachmittags dran bin, geht er mittags noch mal spazieren. Meine Mutter und ich sind dann im Lkw, flechten meine Haare ein und gucken uns noch mal ein paar Ritte an. Wir besprechen, wo ich aufpassen muss und wie der Plan im Viereck ist. Dann gehen wir in den Stall und ich laufe die Prüfung ab. Das ist alles feste Routine.

Die berühmte Frage nach dem Glücksbringer…

SR: Ich habe keinen Glücksbringer, der seit Jahren mit mir zu den Turnieren fährt. Aber nach Hagen bringe ich tatsächlich etwas ganz Besonderes mit. Meine Schwester Sanneke hat mir ihren Frack hingelegt, mit dem sie 2016 dreimal Gold gewonnen hatte. Der passt mir auch. Ich weiß noch nicht genau, ob ich ihn in Hagen wirklich anziehen werde oder ob er als Glücksbringer im Lkw bleibt. Das entscheide ich spontan. Aber es fühlt sich auf jeden Fall sehr gut an, dass er mitfährt!

Jeder Sportler hat seine eigene Philosophie. Wie ist Deine mit Blick auf die U25-Euro in Hagen?

SR: ‚Genieß es!‘ Diese Formulierung hat meine Tante mal bei einer Pony-Europameisterschaft fallen lassen und die habe ich mir seitdem zu eigen gemacht – nicht nur, aber auch für die kommende Europameisterschaft. Das gilt besonders mit einem Pferd wie Flanell. Ich bin ihr so dankbar, dass sie diese Europameisterschaft für mich überhaupt möglich macht.

Tickets für die doppelte Dressur-Europameisterschaft Senioren & U25 gibt es jetzt online auf hagenatw2021.de oder auch an der Tageskasse! Wir sehen uns vom 7. – 12. September in Hagen a.T.W.! 

Abonnieren Sie dem Newsletter!

d1a5a6f68d

This website uses cookies. By continuing to use this site, you accept our use of cookies.  Mehr erfahren