26. Januar 2022

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Andre Thieme und Chakaria In Wellington (Foto: Sportfot)

Andre Thieme und Chakaria In Wellington (Foto: Sportfot)

Polzow (fn-press). „Ich bin gesegnet mit diesem Pferd“, schwärmt Springreiter André Thieme und meint damit seine elfjährige Stute DSP Chakaria, die ihm in diesem Jahr zu seinem bisher größten Erfolg verholfen hat: zum Gewinn des Europameistertitels. Denn zum Reitsport gehören immer zwei: Pferd und Reiter. Dass es Chakaria überhaupt gibt, ist Züchter Martin Jürgens zu verdanken.

Die kleine Chakaria ist als Fohlen eher unauffällig. „Sie war im Grunde wie jedes Fohlen. Allerdings ist sie einmal über die Futterraufe gesprungen, da habe ich schon gedacht, das kann etwas werden“, erzählt Anna Ebel-Jürgens, die Tochter von Züchter Martin Jürgens. Bevor sich das Talent der Stute im Parcours jedoch so richtig offenbaren kann, bekommt sie den Zuchtnamen Carelia und geht in die Zucht. Zwei Mal wird sie Mutter, beide Male von Diarano (v. Diarado – Patrick xx), einem von Martin Jürgens selbst gezogenen und gekörten Hengst.

Auch Chakarias Mutter Askaria (v. Askari) ist erst dreijährig, als Martin Jürgens sie von Hans-Joachim Wegt aus Blüthen erwirbt und in die Zucht nimmt. Chakarias Vater ist der Cellestial-Sohn Chap, Prämienhengst der Mecklenburger Körung und damals als Junghengst in aller Munde. Mit seiner Wahl beweist der Züchter in jeder Hinsicht den richtigen Riecher. „Das kann ja nicht so schlecht sein, wenn später beide Eltern in der Global Champions Tour gehen“, sagt Anna Ebel-Jürgens schmunzelnd. Sowohl Chap als auch Askaria können heute internationale Erfolge auf Topniveau vorweisen, Chap insbesondere mit Heiko Schmidt aus Neu-Benthen, Askaria mit dem Schweizer Pius Schwizer im Sattel.

Bereits in dritter Generation betreibt Familie Jürgens Pferdezucht im Nordosten von Mecklenburg-Vorpommern, im rund vier Kilometer östlich von Pasewalk gelegenen Polzow. „Wir haben schon zu DDR-Zeiten gezüchtet, was damals aber nicht so einfach war“, erzählt Martin Jürgens. „Mein Vater hat es immer bedauert, dass unser damaliger Zuchtleiter die Erfolge nicht mehr miterleben kann. Er hat es uns nicht immer leicht gemacht. Es war sehr schwierig damals, gute Pferde zu bekommen.“

Noch immer basiert die Jürgen’sche Zucht auch auf einem guten Stutenstamm aus der damaligen Zeit. Rund 60 Pferde – inklusive Stuten, Fohlen und Jungpferde – stehen im Betrieb, den Martin Jürgens 2014 vom Milchviehbetrieb auf Pferdezucht und -sport umgestellt hat. Ein Schritt, den er nie bereut hat, wie er sagt. Vorwiegend sind es Springpferde, die in Polzow geboren werden. „Ich hatte auch mal Dressurfohlen dazwischen, aber dafür haben mir nachher die Reiter gefehlt“, erklärt der Züchter, der seine Fohlen – bis auf wenige Ausnahmen – selbst aufzieht und ausbildet. Bis 2013 saß der heute 62-Jährige selbst im Sattel, heute haben vor allem seine Töchter Elisabeth und Anna diese Aufgabe übernommen, ebenso wie Schwiegersohn Ulf Ebel.

Anna Ebel-Jürgens und ihr Mann sind es auch, die Chakaria ihren Sportnamen geben. „Beim Zuchtnamen musste alles ganz schnell gehen. Aber wir wollten eine Verbindung zu ihrer Mutter herstellen, die wir sehr mochten, daher eben Chakaria“, erzählt sie. Ulf Ebel bringt Chakaria dann sechsjährig in den Sport. „Unter einem anderen Reiter wäre sie wahrscheinlich nicht so ein Pferd geworden. Sie war sehr schwierig und eigen. Aber mein Mann ist ein kleiner Spezialist, was schwierige Pferde angeht. Das war ihr Glück“, sagt Anna Ebel-Jürgens. Die Qualitäten der Stute sind jedoch von Beginn an offensichtlich. „Sie ist schon ab den ersten Springen immer aufgefallen.“ Achtjährig geht sie die ersten M**-Springen. Beim Turnier in Schwanebeck 2018 fällt sie dann André Thieme auf, der schon länger mit Ulf Ebel bekannt ist. „Er hat sie ausprobiert und sich dann ganz schnell entschieden“, erinnert sich Anna Ebel-Jürgens. „Wir waren ja mit ihr bis dahin vor allem in der heimischen Region unterwegs, wollten aber kurz darauf etwas weiter weg nach Werder aufs Gestüt Bonhomme zum Turnier. Möglicherweise hatte André Sorge, dass dort auch andere auf sie aufmerksam werden und sie ihm wegschnappen könnten.“

Thiemes Entscheidung erweist sich im wahrsten Sinne des Wortes als goldrichtig. Im November 2018 bestreiten die beiden ihr erstes gemeinsames Turnier im polnischen Lesno. 2019 lernt die Stute erstmals die USA kennen, wo Thieme jedes Frühjahr auf Turnier-Tour ist. 2020 belegen sie dort Platz 14 im Weltcup-Springen beim Live Oak International (CSI3*). 2021 ist das Paar dann endgültig an der Weltspitze angekommen. Im Frühjahr gewinnen sie das mit einer Million dotierte Springen in Ocala in Florida und aus Chakaria wird DSP Chakaria. Das Präfix DSP vergeben die Süddeutschen Zuchtverbände als Auszeichnung für besonders erfolgreiche oder talentierte Deutsche Sportpferde. Im Sommer nehmen die beiden dann an den Olympischen Spielen teil und krönen das Erfolgsjahr mit Team-Silber und Einzel-Gold bei den Europameisterschaften in Riesenbeck. Und jedes Mal fiebert die Züchterfamilie Jürgens mit. „Wir stehen zwar nicht im engen Kontakt, aber natürlich haben wir alles mitverfolgt. Und André schickt auch immer mal wieder Bilder. Zum Beispiel aus Tokio, vom Vorbereitungsplatz oder aus dem Stall“, sagt Anna Ebel-Jürgens.

Ist es denkbar, dass DSP Chakaria oder vielmehr Carelia nach ihrer sportlichen Karriere wieder als Zuchtstute nach Polzow zurückkommt? „Das wäre schön“, sagt die ganze Familie wie aus einem Mund. „Aber ich fürchte, das wird nichts. Wir haben nichts dergleichen vereinbart und André hat sicher auch andere Pläne“, macht Martin Jürgens solchen Träumereien ein schnelles Ende. Damit bleibt es wohl an Tochter Dackaria, die Erfolgsgeschichte von Chakaria in Polzow weiterzuschreiben. Die Weichen dafür sind gestellt. Dackaria, selbst bis zur Klasse S erfolgreich, ist aktuell tragend von Chacoon Blue. Wenn alles gut geht, wird Chakaria im Frühjahr Oma.

Anna Ebel-Jürgens Tipps für Jung- und Neuzüchter:
Wir züchten nicht mit allen Stuten. Nur mit welchen, die ein korrektes Fundament haben (das ist wichtig für die Langlebigkeit) und die aus einer guten Stutenlinie kommen. Gerne nehmen wir auch Stuten zurück in die Zucht, nachdem sie eine entsprechende Eigenleistung erbracht haben. Bei der Auswahl überlegen wir immer: Was muss an der Stute verbessert werden? Und wie ist ihr Interieur? Immer nur auf Top-Leistungspferde anzupaaren ist gut und schön, wenn nachher auch der passende Reiter dafür vorhanden ist. Aber nicht jeder Reiter kann mit solchen Hochleistungssportlern auch umgehen, es kann ja auch nicht jeder einen Formel-1-Wagen fahren.

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