25. September 2022
Die Amerikanerin Tamra Smith und ihr „magisches Einhorn“ Mai Baum gehen bei der FEI Vielseitigkeits-Weltmeisterschaft 2022 im italienischen Pratoni del Vivaro mit Team-Silber und Einzel-Bronze in die morgige letzte Springphase. (FEI/Massimo Argenziano)

WM Vielseitigkeit: Michael Jung nach Gelände weiter in Führung – Nullrunden auch für Sandra Auffarth und Julia Krajewski / Deutsches Team auf Goldkurs

Pratoni del Vivaro/ITA (fn-press). Es war ein Geländetag nach Maß für die deutschen Reiterinnen und Reiter bei den Vielseitigkeits-Weltmeisterschaften im italienischen Pratoni del Vivaro. Vom ersten Starter an lief alles nach Plan und mit Schlussreiter Michael Jung war die vorläufige Führung in Team- und Einzelwertung perfekt.

Mit Respekt hatten Aktive, Trainer und Zuschauer von der rund 5.600 Meter langen Geländestrecke gesprochen, die Guiseppe della Chiesa in die hügelige Landschaft der Albaner Berge gebaut hatte. Auch Kritik am Boden und an der „kringeligen“ Kursführung hatte es gegeben. Der erste deutsche Reiter, Christoph Wahler (Bad Bevesen) mit seinem Holsteiner Carjatan S, hatte daher nur die Aufgabe, die Strecke zu testen und deren „Reitbarkeit“ mit einer fehlerfreien Runde sicherzustellen. Wahler löste die Aufgabe mit Bravour, verzichtete mannschaftsdienlich auf jedes Risiko und nahm dafür auch Zeitfehler in Kauf. Begeistert war er nach seinem Ritt nicht, für seinen großen Holsteiner war die Strecke nicht ideal, aber er hatte bewiesen, „dass es geht“. Auch sein Wunsch, er möge am Ende mit seinem Ergebnis von 42,4 Minuspunkten (Platz 34) weiterhin das Streichergebnis für das Team sein, sollte am Ende des Tages in Erfüllung gehen. Schon Sandra Auffarth (Ganderkesee) und Viamant du Matz bewiesen, dass sich das Gelände auch in der erlaubten Zeit bewältigen lässt. Mit der Nullrunde war auch ihr Pech aus der Dressur – während ihres Rittes war ein Buchstabe umgefallen und hatte ihr Pferd erschreckt – schnell vergessen. Die Weltmeisterin von 2014 meldete sich „zurück im Spiel“. Ihr Zwischenstand: 31,3 Minuspunkte – Platz 14. Was Auffarth gelang, machte Olympiasiegerin Julia Krajewski mit Amande de B’Neville nach. Auch sie galoppierte wie an der Schnur gezogen bis in Ziel, so dass das Paar am Ende des Tages auf fünf Platz vorrückte (26,0 Minuspunkte). Das Glück im deutschen Lager perfekt machte schließlich der Auftritt von Michael Jung (Horb) mit fischerChipmunk FRH. Auch wenn sich der zweimalige Einzel-Olympiasieger einen etwas anderen Kurs für seinen gewaltig galoppierenden Hannoveraner gewünscht hätte, kamen die beiden ohne Zeitverlust ins Ziel – und das trotz zweier Alternativen, die Jung bewusst auf der Strecke gewählt hatte. „Er ist einfach eine Maschine“, schwärmte der Schwabe. Mit seinem Ergebnis von nur 18,8 Minuspunkten hat Jung für das abschließende Springen am Sonntag sogar einen Abwurf frei, ohne seinen zweiten Titelgewinn nach 2010 zu gefährden.

An die zweite Stelle der Einzelwertung rückte die britische Einzelreiterin Yasmin Ingham vor, die in diesem Jahr bereits Zweite hinter Jung beim CCI5*-L Lexington war. Mit Banzai du Loi kam sie mit nur wenigen Zeitfehlern ins Ziel. Pech hatte dagegen ihre Landsfrau Laura Collett. Sie war mit ihrem Pferd London neben Jung die Einzige gewesen, die die Dressur unterhalb der 20er Marke beendet hatte. Im Gelände kassierte sie am berüchtigten „Steilhang“ einen Vorbeiläufer am zweiten schmalen Sprung, zu dem dann auch noch Zeitfehler hinzukamen. Das beste Ergebnis fürs britische Team erzielte somit deren Schlussreiter Oliver Townend, der sich dank einer Nullrunde mit Ballaghmore Class auf Platz vier verbessern konnte (Zwischenstand 24,3 Minuspunkte).

Auf Platz drei nach dem Gelände findet sich die US-Amerikanerin Tamra Smith mit ihrem in Sachsen-Thüringen gezogenen Mai Baum wieder. Sie gehört zu den insgesamt elf Paaren, die das Gelände mit ihrem Dressurergebnis beenden konnten (24,0 Minuspunkte).

Die drei Nullrunden der deutschen Reiter und das Pech der Briten führte auch zu einem Wechsel an der Spitze der Teamwertung. Mit weiterhin nur 76,1 Minuspunkten führt nun Deutschland knapp vor den USA (77,4). Großbritannien fiel mit 80,9 Minuspunkten auf den dritten Platz zurück und es wäre noch schlimmer gekommen, wenn dem Olympia-Silbermedaillengewinner Tom MCEwen tatsächlich eine „Missed Flag“ an einem Eckensprung mit weiteren 15 Strafpunkten angerechnet worden wäre.

Die deutschen Ritte im Rückblick

Michael Jung und “die Maschine” fischerChipmunk FRH
„fischerChipmunk ist ein fantastisches Pferd, was der für eine Maschine ist, was der für eine Luft hat, was der für einen Galopp hat, wie der kämpft, das ist unglaublich”, schwärmte Jung im Ziel. Er folgte seinen Teamkolleginnen und kam ebenfalls ohne Strafpunkt ins Ziel. Damit liegt er nicht nur weiter in Führung, sondern kann sich im abschließenden Springen am Sonntag sogar einen Fehler erlauben. Zu seinem Ritt sagte er. “Er hat sich super reiten lassen, am Anfang die erste Kombination, das war wirklich vom Allerfeinsten. Ich habe eigentlich überall immer nur gesehen, ihn ein bisschen ruhig zu halten. Der wollte von Anfang an los. Das war für ihn natürlich ein super Anfang, wo er sich erstmal so ein bisschen ausgaloppieren kann. Aber dann der Mittelteil, der war schon schwierig, weil er ein großes Pferd ist, einen großen Galopp hat, und wenn dann alles so rechts-links um die Kurven rumgeht und dann hoch-runter, das ging alles ein bisschen schnell für ihn. Trotzdem bin ich einfach begeistert von ihm, er macht so super mit“, sagte Jung. Nur einmal hielten die Zuschauer am zweiten Wasser die Luft, als es kurzfristig so aussah, als würde das Paar den Sprung im Wasser nicht erwischen. „Da hab ich nicht ideal geritten, da hätte ich eigentlich einen Galoppsprung weglassen können. Aber es hat geklappt.“ .

Die Zeit war für den Routinier kein Problem, auch wenn er gleich zwei Alternativen – an den Hindernissen 16 und 19 – wählte: „Das ergab sich aus der Situation heraus, weil man dort durch dieses ganze Gekringel kommt und viele Pferde da ein bisschen vorhandlastig waren. Da war ich schon beim ersten Ablaufen ein bisschen skeptisch und nachher hat sich bei ein paar schnelleren Pferden gezeigt, dass die Zeit gut möglich ist. Deshalb war das dann für mich die bessere Variante.“

Sandra Auffarth und Viamant du Matz: Back in the game
Sandra Auffarth (Ganderkesee) und Viamant du Matz konnten sich im Einzelranking mit einer kompletten Nullrunde im Gelände wieder ins Spiel bringen. „Es war wirklich toll, von Anfang bis Ende“, sagte eine strahlende Sandra Auffarth. Nach der etwas enttäuschenden Dressur meldete sie sich mit einer strafpunktfreien Geländerunde von Viamant du Matz „back in the game“. Für sie bleibt es bei 31,3 Minuspunkten.

„Klar, den Hang runter, da wird keiner das genialste Gefühl kriegen, da laufen die Pferde einem so ein bisschen ‚von den Füßen“, erklärte sie nach dem Ritt. „Da muss man sich richtig konzentrieren, auch abwarten und denken, das wird schon. Das hat er aber super gemacht. Der Rest ging alles nach Plan. Man hat es ja selten, dass in so einem langen Gelände alles nach Plan läuft, aber das habe ich irgendwie geschafft. In Aachen war das auch schon so eine tolle Runde, da hat er mir so viel Vertrauen gegeben, dass ich auch wirklich schon mit einem guten Gefühl angereist bin. Eine bessere Vorbereitung hätte ich nicht haben können.“

Beflügelt auf ihrem Ritt hatten Auffarth auch die vielen Zuschauer im Gelände, „Das hat wirklich Spaß gemacht. Auch mit den vielen deutschen Fans an den Seiten. Es sind ja doch viele angereist. Wenn man das nochmal so vergleicht zu Tokio, das macht am Ende so einen Wettkampf aus, dass es mit Sport mit Fans und Zuschauer ist, da ist richtig schön und hat Spaß gemacht“, schwärmte sie.

Julia Krajewski und Amande de B’Neville legen den Turbo ein 
„Mega”, schwärmte Julia Krajewski (Warendorf) nach ihrem Ritt. Wie schon zuvor Sandra Auffarth kam auch die Olympiasiegerin mit ihrer Stute Amande de B’Neville (“Mandy”) ohne Probleme ins Ziel. Es bleibt daher bei nur 26,0 Minuspunkten. Krajewski räumte ein: “Ich war schon angespannt vorher, weil alle gesagt haben, das ist ein Kurs, bei dem man echt arbeiten muss. Ich hatte aber schon ab Sprung drei das Gefühl, es läuft. Und nachdem wir dann echt easy den Berg runterkamen und ich gemerkt habe, Mandy ist voll da, sie hat es im Griff, war es cool. Ich will nicht sagen, es war einfach. Es war nicht einfach, aber ich hatte nie das Gefühl, sie ist nicht bei mir, sie ist nicht fit, es war einfach geil. Alle Aufgaben haben so funktioniert, wie wir es geplant haben. Es war natürlich mega, dass Sandra eine so gute Runde hatte, weil die Pferde sich so ähnlich sind. Ich wusste, okay, du kannst in den letzten drei Minuten noch was reingaloppieren. Das heißt, ich musste sie nicht zu doll pushen, habe aber immer gemerkt, sobald Platz war, ging der Kopf runter und der Turbo an und an jedem Sprung bis zum Schluss war sie super da und sprang. Das war schon einfach cool. Ich bin einfach der größte Fan von meinem Pferd.” 

Alina Dibowski mit Barbados: Gelungenes WM-Debüt als Einzelreiterin
Nach den beiden Teamreiterinnen kam auch das „Küken“ im deutschen Aufgebot, Alina Dibowski (Döhle) mit Barbados gut ins Ziel. „Es hat mehr Spaß gemacht als Haras de Pin, weil Barbados noch deutlich fitter war. Wir haben konditionell noch echt ne Schippe drauf gelegt. Vom Trainingsaufwand haben wir nochmal mehr gemacht, das hat sich hier richtig ausgezahlt. Bis zur Mitte der Strecke war der volle Saft da, selbst nach den Anstiegen. Ich war selbst erstaunt, wie fit er war.” Entsprechend gut war ihre Zeit, auch wenn sie an den Doppelecken die längere Alternative nahm. Nur sieben Sekunden fehlten zum Erreichen der Optimalzeit. Allerdings wurden ihr nachträglich 15 Strafpunkte für eine „Missed Flag“ auferlegt. Diese gibt es, wenn ein Pferd einen Eckensprung nicht korrekt zwischen den Flaggen überwindet. „Ich war der Meinung, dass er vorne schon drin war. Er hat ein bisschen gestockt aber vom Gefühl her war’s drin“, sagte die 21-Jährige im Ziel. „Sonst sind es eben 15 Punkte, ich war trotzdem schnell und das Pferd hat einen tollen Job gemacht.“

Christoph Wahler und Carjatan S: Mission “sichere Runde” erfüllt
Mit einer sicheren Geländerunde hat Christoph Wahler seine Aufgabe als „Pathfinder“ für sein Team und die übrigen 87 WM-Teilnehmer hervorragend erfüllt. Wie schon in der Dressur machte er mit Carjatan S im Gelände den Anfang und bewies mit einer sicheren Runde, dass sich das Gelände reiten lässt. Die erlaubte Zeit war allerdings nicht zu erreichen. 24 Sekunden fehlten ihm für eine glatte Nullrunde. Sein Kontostand nach Dressur und Gelände: 42,4 Minuspunkte.

„Ich konnte nicht alles so reiten, wie geplant. Der Kurs nimmt doch sehr viel Kraft aus den Pferden und ermüdet sie auch mental. Es ist nicht schön zu reiten, es ist nicht rhythmisch und es ist sehr kringelig”, sagte Christoph Wahler nach seinem Ritt. “Mein Pferd hat das überragend gemacht, er ist super ehrlich, er will alles richtig machen. Ihm liegen sicherlich Kurse, die flüssiger sind mit längeren Galoppstrecken wesentlich mehr. Bergauf, bergrunter, immer schräg und immer um die Kurve, das ist nicht sein Terrain, das wussten wird.“ Wahler ergänzte: „Klar wäre ich gerne 24 Sekunden schneller gewesen, aber ich glaube, wir haben nun erst einmal ein zählendes Ergebnis und wenn wir heute Abend ins Bett gehen, und ich bin immer noch das Streichergebnis, dann wäre ich sehr glücklich.“

Vorher allgemein ausgemachte Klippen des Kurses, wie das Wasserhindernis oder der Steilhang, bereiteten den beiden keine Probleme: „Das Wasser war kein Problem. Das sind so technische Aufgaben, die mein Pferd unheimlich gut macht, da habe ich sehr viel Vertrauen in ihn. Der Steilhang ist natürlich etwas Ungewohntes, die Distanz ist sehr eng zwischen den beiden schmalen Folgesprüngen, aber auch da ist er super ehrlich. Aber es sind auch Dinge, die am Ende Kraft ziehen.“ Nur einmal – an der Hinderniskombination 16BC (Oxer/Ecke) – änderte er spontan seinen Plan und wählte die Alternative. 

Alle Informationen zur WM, dem Team, den deutschen Pferden sowie den Wettkampf- und TV-Zeiten gibt es unter www.pferd-aktuell.de/wm2022/vielseitigkeit-in-pratoni-del-vivaro.

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